Hagi. Quer durch Honchu fahren wir heute bei stürmischem Wetter nach Hagi. Entlang des Flusses Ani führt ein enges Tal, das an die Obersteiermark erinnert. Dann öffnet sich das Tal und wir fahren auf einen pyramidenförmigen Hügel zu, auf dem früher die mächtige Burg von Hagi stand. Heute zeigt nur mehr das Südeingangstor der Befestigung, einige Kilometer von der Burg entfernt, wie groß diese Hauptstadt eines der mächtigsten Fürstentümer früher war.

Überall blühen die Zierkirschen, dazwischen mit Früchten überladene Orangenbäume. Und vor jedem Haus adrett zurechtgestutzte Bäume, gebändigte Natur. Uns erinnern diese Gewächse an getrimmte Pudel. Vielleicht ein Ausdruck der Sehnsucht nach Zähmung der Urgewalten der Natur, die in Japan immer wieder zeigen, wie übermächtig sie sind.

Saori Ono

In einem an eine alte Mühle erinnernden Holzhaus an einem Bach arbeitet Saori Ono. Vor drei Jahren hat sie sich selbständig gemacht. Sie interpretiert Hagi Keramik ganz neu, nutzt die Technik um kleine Tiere, Vasen und die eine oder andere Teeschale herzustellen. Der Hase, ein Glückssymbol in Japan, lacht auch von vielen ihrer Teller. Wir haben uns in die putzigen Hunde, Hasen und Katzen verliebt, kleine feine Arbeiten, die das Herz erfreuen.

Seigan Yamane

Seigan Yamane steht schon lange ganz oben auf unserer Besuchsliste. Sein Seigan Blau ist legendär und gibt es nur bei ihm, inzwischen hat er auch sein eigenes Lila, Seigan Lavendel, entwickelt. Er ist ein Revoluzer in Hagi, daneben auch ein begeisterter Karatemeister. Seigan betreibt gemeinsam mit seiner Frau jeweils einen Gas-, Öl- und holzbefeuerten Hügelofen. Blau entsteht bei den höchsten Temperaturen von über 1300 Grad. Niemand sonst in der Gegend arbeitet mit derartig hohen Temperaturen. Seigan empfängt uns fast überschwenglich, man sieht er freut sich, dass wir es geschafft haben, ihn, den wir seit mehreren Jahren im Geschäft führen, nun auch persönlich zu treffen.

Während andere eher darauf aus sind nicht zu viel zu verraten, fordert er uns regelrecht auf, alles zu hinterfragen. Die Zeit vergeht wie im Flug, am Schluss fragen wir ihn noch, ob er nicht extra für uns Ramenschüsseln in seinen legendären Farben machen könnte. Und tatsächlich willigt er ein, er wird exklusiv für uns 100 Schüsseln fertigen, die dann im Herbst bei uns ankommen sollten!

Fugu 

Zwei Jahre dauert es mindestens, bis ein Koch diesen Fisch zubereiten darf. Zu Recht, denn entfernt er die giftigen Teile nicht vollständig, schauts nicht gut aus! Die Präfektur Yamaguchi gilt als das Mekka für Fugu Fans und Hagi hat ein paar großartige Restaurants, die mehrgängige Menüs anbieten. Der Fisch zeichnet sich durch sein sehr festes Fleisch aus. Der Geschmack ist sehr dezent, fast nussartig. Unbedingt probieren!

Senryuzan - was kennzeichnet eine perfekte Chawan

Akira Yoshika empfängt uns im modern gestalteten Schauraum. Gleich neben dem Eingang finden wir Chawans, klassische Teeschalen, die ein kleines Vermögen kosten. Bei Akira lernen wir zum ersten Mal, warum das so ist. Die klassische Form verlangt dem Töpfer alles ab und nur eine von durchschnittlich 10 Schalen übersteht auch den Brennprozess unbeschadet. Der im Verhältnis zum Schalendurchmesser kleine Fuß neigt dazu, im Ofen zu kollabieren. Allerhöchste Geschicklichkeit, große Erfahrung und volle Konzentration sind erforderlich, dass ein Stück gelingen kann. Und dann sind aufgrund all der Unwägbarkeiten im Ofen nur die wenigsten Stücke so perfekt, dass sie den Ansprüchen eines Meisters gerecht werden. Am Schluss bleibt vielleicht eine von hundert Chawans übrig, die auch noch alle anderen Kriterien wie perfekte Oberfläche, Zeichnung etc. erfüllt und in die Kategorie Sister Work Eingang findet.

Die Familie Yoshika betreibt auch noch ein Museum, das sich vor allem den Werken des Großvaters von Akira widmet. 1965 besuchten sie Ägypten und Deutschland. Diese Reise muss für ihn eine Art Eye Opener gewesen sein. Die Arbeiten, die danach entstanden sind, gehören sicher zum Schönsten was wir bisher gesehen haben.

Wie sich herausstellte studierte Akira gemeinsam mit Naoki Sakai, der für uns ganz besondere Teekannen fertigt. Akiras Bruder, ein Bildhauer, ist wie Naoki Professor an der Universität in Yamanaka. So schließt sich der Kreis.

In unmittelbarer Näher der Burgstadt besuchen wir noch das Atelier von Zenzo Hadano. 84 Jahre alt ist er geworden, was er nie vorhatte, wie er betont. Er strahlt eine innere Ruhe und Zufriedenheit aus, die ansteckt.

Seine quirlige Frau bereitet Matcha für uns und sein Sohn Hideo erklärt uns weitere Feinheiten der Keramikerzeugung. Jeder Ofen hat seine eigenen Rezepte, für die richtige Mischung von Tonen, die in der Umgebung abgebaut werden. Diese Tone werden in Sieben gereinigt und danach mit Wasser versetzt und nach einigen Stunden oder Tagen in Tüchern verpresst, um den Wassergehalt zu reduzieren. Danach werden sie zwischen Steinplatten gelagert, die weitere Feuchte entziehen. Die nun knetbare Masse wird zu zylinderförmigen Körpern gerollt, die in Papier eingewickelt für mindestens 6 Monate in feuchter Umgebung zur Reifung gelagert werden.

Beim Abkühlen nach der Ofenreise kommt es zu den metallisch klingenden Tönen, die durch freiwerdende Spannungen erzeugt werden. Regelrechte Konzerte finden dann statt, wie Abkühlsymphonien. Zenzo spielt für uns in einer eigenen Liga und letztendlich erwerben wir zwei kleine Meisterwerke, für uns privat.

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